Historie

Sängertradition seit 1913

1913! Der Kaiser regiert im 25. Jahr in Frieden, ein Krieg scheint alles andere als naheliegend. Im Reich herrscht Hochkonjunktur. Die deutsche Wirtschaft boomt, wie man heute sagen würde. Wissenschaft und Forschung nehmen einen rasanten Aufschwung. Jeder dritte Nobelpreis für Naturwissenschaften geht nach Deutschland. Die SPD hat fast eine Million Mitglieder und stellt die stärkste Fraktion im Reichstag. Die Kinder tragen Matrosenanzüge, und die Lebenserwartung steigt – auf durchschnittlich 47 Jahre. Der Anschluss an die Wasser- und Stromversorgung, Elektrizität, Telefon und die ersten Konservendosen sind die Vorläufer einer neuen Zeit.

1913 wird Willi Brandt geboren, er bringt es bis zum Bundeskanzler. 1913 wird die Firma Aston Martin gegründet, ihre Sportwagen bringen es zum Filmstar – der DB6 wird das wohl bekannteste James-Bond-Auto.

Und am 31. August 1913 gründen neun Stockstädter Männer im Gasthaus zum Goldenen Engel einen Arbeiter-Gesangverein, von denen es auch am Untermain zahlreiche gab. Diese Männer sind Johann und Christian Boll, Gottfried Depp, Amandus und Michael Holzapfel, Ambros, Michael und Valentin Lang sowie Heinrich Lederer. Sie treffen damals ganz offensichtlich eine zukunftsträchtige Entscheidung. Zwar wird der AGV Sängerlust weder zu einer politischen Größe noch kommt er zu einem Auftritt im Kino, aber er entwickelt sich zu einem gesunden Bürschlein: Auch noch 100 Jahre später treffen sich seine Aktiven jeden Donnerstag im Gasthaus zum Goldenen Engel zur Chorprobe.

Für die Anschaffung eigener Chorsätze ist die Kasse damals zu klamm. Man leiht sie sich bei den Brudervereinen aus Großostheim, Schaafheim und Seligenstadt. Erster Dirigent ist Herr Gebhart aus Harreshausen. Er schafft es, den Stockstädter AGV bereits wenige Wochen nach seiner Gründung zum ersten öffentlichen Auftritt zu führen. Dem Selbstverständnis der Arbeiter-Gesangvereine entsprechend, die sich gegen die bürgerlichen Vereine abgrenzten und sich als Teil der Arbeiterbewegung und ihrer Bildungsbestrebungen betrachteten, feierte man Premiere mit einem – damals – hoch aktuellen Stück: dem im Jahr 1900 geschriebenen Arbeiterlied „Empor zum Licht“.

Die neue Zeit, sie ist genaht,
Männer und Frauen, nun auf zur Tat!
Reicht Euch die Hände zum Freiheitsbund!
Donnernd es töne vom Erdenrund:
Erwach, Volk, erwache!

Solche Lieder sang man mit Inbrunst und vielstimmig, im Sinne des Wortes. Bei Sängerbundtreffen konnte das schon mal 1000 Männerkehlen zugleich sein. Und wenn wir bei den Quellen sind: Eine ganz hervorragende Chronik der Arbeitergesangvereine unserer Region hat die 2006 verstorbene Gudrun Berninger verfasst. Sie ist auf der Internetseite des GV Edelweiß Mainaschaff nachzulesen.

Die Sängerzahl des AGV Sängerlust steigt zunächst rasch an, doch dem jungen Chor war nur ein Jahr vergönnt, dann machte der Krieg dem Weiterwachsen ein Ende.

Aber schon im Jahre 1919 finden wieder regelmäßig Proben statt. 1922 stellt sich der Verein zum ersten Mal einem Kritiksingen in Aschaffenburg – mit Erfolg. Die Vorträge „Waldesrauschen“ und „Der Frühling“ wurden mit „sehr gut“ bewertet.

Das 10jährige Stiftungsfest findet im Garten des Gasthaus zur Traube statt, das man zwischenzeitlich zum Vereinslokal gekürt hat. Hier ein Bild von diesem Ereignis. Die Namen der Abgebildeten tragen auch heute noch viele unserer Aktiven und viele davon in direkter Linie.

1923%2010Jahre

1927 geschieht etwas, das für einen von Männern geprägten Arbeitergesangverein äußerst ungewöhnlich ist: Der Chor öffnet sich dem schöneren Geschlecht. Unter der musikalischen Leitung von Herrn Kuhn aus Kleinwelzheim wird er zu einem gemischten Chor, der auch vor dem Theaterspielen und der Aufführung von Operetten nicht zurückschreckt. Und dies überaus erfolgreich, wie der Chronist der 75-Jahres-Festschrift bemerkt.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wird der Verein 1933 verboten und aufgelöst. Das Vermögen wird beschlagnahmt, der Schriftverkehr und die Notenbestände werden vernichtet. Das große Schweigen der Arbeitersänger beginnt zum zweiten Mal. Aber einige mutige Stockstädter Sänger holen einige ihrer Freiheitschöre aus dem bereits versiegelten Schrank und retteten diese so für die Nachwelt. Wir besitzen diese Chorsätze heute noch, und vielleicht sollten wir uns diese Vorgänge öfter bewusst machen, ehe wir dieses Liedgut vorschnell als verstaubten Kram abtun.

Nach dem zweiten Weltkrieg beklagt der Verein viele Gefallene und Vermisste. Aber bereits im Herbst 1945 wird die Chorarbeit dennoch wieder aufgenommen. Man probt bis 1947 gemeinsam mit Sängern des zweiten örtlichen Gesangvereins, dem Männerquartett, um die gelichteten Reihen zu schließen. Nach der wieder vollzogenen Trennung nennt sich der Chor, als einer der ganz wenigen der Region, weiter selbstbewusst Arbeitergesangverein. Jetzt wieder ein reiner Männerchor erwacht unser AGV unter der Regie von Chorleiter Hermann Krapp zu neuer Blüte. Bald zählt er 50 Aktive, die 1949 in Aschaffenburg erstmals nach dem Krieg wieder an einem Wertungssingen teilnehmen.

Das Jahr 1954 ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Es ist nicht nur das Geburtsjahr einiger unserer Aktiven und auch das des Autors, es ist auch das Gründungsjahr des Knabenchores, dem in den Folgejahren eine ganze Reihe späterer und teils auch noch heutiger Männerchormitgieder angehören. Diese Knabenchor erhielt gleich bei seiner ersten Teilnahme an einem Wertungssingen ein Sehr gut – und einigen dieser Knaben hört man die Sangesqualität auch heute noch an. Der Knabenchor musste übrigens 1971 leider wieder aufgelöst werden – mangels Interesses.

50 Jahre ist es jetzt her, dass der AGV sein erstes wirklich großes Fest veranstaltete – mit Ewald Seeger und Theobald Lang als gleichberechtigten Vorsitzenden. In der schon zitierten Festschrift zum 75. steht: Das 50jährige Jubiläum wird mit einem Rundfunksingen eingeleitet. In der Sendung „Fränkische Chöre singen“ ist der AGV Stockstadt mit einer Hans-Lang-Auswahl im Bayerischen Rundfunk zu hören. Die Festtage waren vom 20. bis 23. Juli 1963 und zählen zu den absoluten Höhepunkten der Vereinsgeschichte. Ein stattlicher Festzug bewegte sich durch die Ortsstraßen. Die Festveranstaltungen hinterließen bei allen Besuchern einen guten Eindruck.

75%20Jahre

75. Jubiläum mit Festdamen

1972 übernimmt Herr Erich Dittmeier die musikalische Leitung des Vereins. Er wird sie bis zum Jahr 1997 behalten und dann an unseren heutigen Chorleiter Herrn Burkhard Fäth übergeben. Die Zeit unter Herrn Dittmeier, der heute noch unser Ehrenchorleiter ist, ist geprägt von ebenso regelmäßigen wie erfolgreichen Teilnahmen an Wertungssingen. Und es beginnt die Zeit der gemeinschaftlichen Reisen, so zum Beispiel 1974 per Flugzeug nach Berlin zum Chorfest des deutschen Sängerbundes. 1990 und 1994 geht es zum Männschor Timrö nach Sundsvall in Schweden, und 1991 nach Mezzocorona in Trient zum Bergsteigerchor.

1985 unternimmt der AGV eine weiteren Vorstoß in Richtung Zukunftssicherung: Der Kinderchor wird gegründet.

Kinderchor

Gleich zu Beginn gehören ihm 25 Mädchen und Buben an. Eine ganze Reihe von ihnen gehört auch heute noch, oder wieder, zu den Aktiven. Leider muss auch dieser Nachwuchschor nach nur zehn Jahren mangels Masse aufgegeben werden.

Und wo stehen wir heute?

Nach dem ersten Vorsitzenden Johann Boll, und seinen Nachfolgern Josef Ott, Peter Duttine, Willi Lang, Edmund Bauer, Ewald Seeger, Norbert Lang, Theobald Lang und unserem heutigen Ehrenmitglied Reinhold Henn führt den Verein seit 1999 Herbert Venuleth, nachdem er zuvor 18 Jahre lang als Kassier zum Wohle des Vereins gewirkt hatte.

Vereine sind immer so jung wie die Ideen der Menschen, die sich darin zusammen finden. Aber gilt das auch für einen „Gesangverein“? Ganz klar: Ja! Sehen Sie sich den AGV auf dieser Website an. Während rund um uns herum schon seit vielen Jahren Wehklagen über die schleichende Überalterung der Chöre und das scheinbar unaufhaltsame Sterben speziell der Männerchöre herrscht, haben wir zur richtigen Zeit das richtige getan. Und das verdanken wir zu einem erheblichen Teil unserem aktuellen und inzwischen auch schon wieder langjährigen Chorleiter, Herrn Fäth.

Die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit zwischen ihm und der Vereinsführung hat eine Reihe bemerkenswerter Ereignisse hervorgebracht, die es maßgeblich ermöglicht haben, dass wir 2013 unseren 100sten heute bei guter Gesundheit feiern durften.

Burkhard Fäth kam in einer Zeit zu uns, als im Radio Hits von Sting, den Red Hot Chili Peppers, Guns & Roses, Metallica, Madonna liefen. Gemeinsam haben wir die Zeichen der Zeit akzeptiert und Herr Fäth begann ganz vorsichtig, auch neuere Chorliteratur einzuüben. Er schaffte Noten an, wie sie die gestanden Männer des AGV noch nicht gesehen hatte. Da standen plötzlich Lieder wie Glenn Millers „American Patrol“ auf dem Plan – in deutscher Sprache zwar, aber immerhin! Da kamen Gassenhauer, wie der Kriminal Tango vom Hazy Osterwald Sextett auf den Tisch, oder später dann Titel wie der griechische Wein von Udo Jürgens. Zugegeben, wir haben es nicht geschafft, mit dieser neuen Chorliteratur einen Boom auszulösen, der uns die Sänger in Scharen in die Arme getrieben hätte, aber immerhin – wir sind auch heute noch über dreißig aktive Sänger im Männerchor – und darauf sind wir schon ein bisschen stolz!

Gemeinsam mit Burkhard Fäth haben wir es geschafft, die Wahl der Chorliteratur so zu gestalten, dass sich unsere älteren Sänger, die eine feste und vor allem zuverlässige Stütze unseres Traditionschores sind, ebenso wiederfinden wie unsere jüngeren Chormitglieder. Unser Traditionschor ist die Stammzelle aller unserer Aktivitäten. Mit unseren über dreißig Aktiven, von Mitt-Dreißigern bis Mitt-Achtzigern, halten wir die Tradition der Männerchöre hoch, ohne dabei die Trends der Zeit zu verschlafen. Wir singen romantische Lieder genauso wie wir Schlager und Musical-Melodien präsentieren. Von Schubert bis Jürgens – wir haben’s drauf.

Und wir haben 2001 den HEARTChor gegründet. Dieses anfänglich kleine Grüpplein hatte zwischenzeitlich fast zwanzig Mitglieder und vereint zurzeit rund 15 Sänger. Unsere Töne sind oft kräftig. Wir sind in der Rockmusik genauso zu Hause wie in der „Neuen Deutschen Welle“. Dabei sind wir kein „Junger Chor“ im Sinne des Wortes. Jung ist unsere Einstellung, und die hat mit dem Lebensalter nichts zu tun.

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Die Gründungsmitglieder des HEARTChors

Anfang des Jahrtausends mussten wir aber dennoch feststellen, dass unsere Mitgliederzahl eine fallende Tendenz aufwies, bei den Aktiven noch mehr als bei den Passiven. Allgemein standen und stehen die Sterne nicht gut für Männerchöre. Seit vielen Jahren sinken im ganzen Land die Mitgliederzahlen, vielerorts ist sogar die Singfähigkeit der Aktiven in Gefahr oder, noch schlimmer, bereits verloren gegangen, so dass der Verein an sich in Gefahr gerät. Aber der A.G.V. Sängerlust sollte nicht nur überleben, er sollte stark sein! Die Gründung des HEARTChors war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen. Während es dabei zunächst darum ging, die Institution Männerchor für Stockstadt zu bewahren, stand es nun an, dem Verein den Weg in eine mitgliederstarke und für viele Mitbürger attraktive Zukunft öffnen.

So kam es zu einer Entscheidung, die für so manchen alten Sängerbär nicht weniger als einer Revolution gleich kam: Der AGV gründete einen Frauenchor.
Aber was zählt, ist das Ergebnis! Heute haben wir 221 Mitglieder und 65 davon sind Aktive. 31 von diesen 65 Aktiven sind ChoryFeen, so der Name unseres Frauenchores.

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Die ChoryFeen bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt: Mainflingen 2010

Mit diesen drei Chören – dem Traditions-Männerchor, dem HEARTChor und den ChoryFeen – ist der A.G.V. Sängerlust in sein zweites Jahrhundert gestartet.
Mit moderne Arrangements traditioneller und neuzeitlicher Chorliteratur, von Klassik bis Schlager.
Mit einem Chorleiter, der seine Damen und Herren mit Weitsicht und unbeirrbar immer wieder herausfordert, und der auch unsere „alten Hasen“ mitzieht, weil sie verstanden haben, um was es geht und sich mit Elan hinter dieses neue Repertoire stellen.

(nach der Rede des 2. Vorstands Jörg Wolters anlässlich der Akademischen Feier zum 100jährigen Jubiläum im März 2013)